Zugfahren in Kanada und drei Jungfrauen in Alexandria

Nach unserer Abreise aus Montréal fahren wir nach Alexandria – nicht in das berühmte in Ägypten, sondern in das kleine in Kanada. „Was wollt ihr denn da? Da ist doch nichts!“, sagt uns ein Reisender auf dem Bahnhof in Montréal. Tatsächlich bietet dieses kleine Örtchen, das sich in der Mitte Eisenbahn-Strecke zwischen Montréal und Ottawa befindet, nicht viele Attraktionen. 1812 gegründet, erlangte es 1903 den Stadtstatus, den es 1998 wieder verlor. Als Sehenswürdigkeiten werden die St Finnan’s Cathedral, der Bishop’s Palace und das Monastery of the Precious Blood genannt.  Hier ist wirklich tote Hose.

Zugfahren in Kanada und drei Jungfrauen in Alexandria - Carolyn & Chantal, © Carolyn & Chantal Marenger Doch hier leben Carolyn und Chantal und die beiden wollen wir unbedingt treffen. Sie sind wie wir ein lesbisches Paar, haben aber im Unterschied zu uns zwei Töchter, sechs und vier Jahre alt. Sie sind die ersten Couchsurfing-Gastgeber, die uns überhaupt eingeladen haben, als wir mit unserer Reiseplanung im Januar 2013 begannen. Damals hatte Alex eine sogenannte offene Anfrage in die lesbisch-schwule Couchsurfing-Gruppe Kanadas geschickt. Offensichtlich hatte den beiden unser Profil so gut gefallen, dass wir acht Monate bevor wir unsere Reise überhaupt antreten wollten, die Einladung und feste Zusage bekamen, ein paar Tage bei ihnen verbringen zu dürfen. Dass das sehr ungewöhnlich ist und Couchsurfing-Anfragen eher kurzfristiger funktionieren, lernen wir erst später.

Nun sitzen wir also im Zug nach Alexandria – endlich und glücklicherweise. Zugfahren in Kanada ist, so haben wir in den letzten Stunden gelernt, längst nicht so einfach zu bewerkstelligen wie in Deutschland. Zugfahren in Kanada und drei Jungfrauen in Alexandria - Ariane, © Ariane Genet de MiomandreDas fängt schon damit an, dass der Bahnhof weder zentral gelegen noch Mittelpunkt der Stadt ist. In Montréal zum Beispiel wusste Ariane – unsere liebe Couchsurfing-Gastgeberin dort – nicht, wo der Bahnhof genau ist. Sie schickte uns zum zentralen Busbahnhof. Die Menschen, die wir dort nach dem Bahnhof für Züge fragten, waren genauso ahnungslos wie sie und so verpassten wir natürlich den angepeilten Zug.

Ach je, das war ja klar. Wir sind immer eher knapp in der Zeit, manchmal auch ein wenig orientierungslos. Als wir unsere Weltreise starteten, haben wir nach der Landung in Dublin so lange auf dem Gang zwischen Flugzeug und Flughafen herumgekaspert, dass wir gar nicht mehr reingelassen wurden. Wir haben auch schon mal einen Flug verpasst, weil wir einen Tag zu spät zu Flughafen gefahren sind – aber das war lange vor den Kindern. Und als wir von Toronto nach Montréal geflogen sind, mussten wir den Flug umbuchen, weil wir am falschen Flughafen waren.

Das Gute an unserer leichten Verpeiltheit: Inzwischen erschüttern uns Anschlussprobleme nicht mehr so schnell. Wir wissen, es gibt immer eine Lösung. Manchmal ist sie  zeit-, manchmal geldintensiv, manchmal auch beides. Weil wir noch keine Tickets gekauft hatten, kostet uns dieses Mal unsere Fahrt nach Alexandria nur Zeit, denn der nächste Zug fährt erst Stunden später. Na, großartig! Carolyn und Chantal, die uns am Bahnhof abholen wollen, können wir zum Glück schnell erreichen. Ohnehin sind wir seit Tagen mit ihnen in intensivem Kontakt. Anton hat am Tag nach unserer Anreise Geburtstag, da braucht es schließlich ein bisschen Vorbereitung.

Zugfahren in Kanada und drei Jungfrauen in Alexandria - kanadischer ZugEs ist später Nachmittag, als wir endlich in den Zug nach Alexandria steigen. Wie im Flieger ist für jeden eine Platzkarte zwingend, nur Theo darf als unter-Zweijähriger noch umsonst mit. Zuvor mussten wir, auch wie am Flughafen, unsere Koffer aufgeben, damit diese dann von zupackenden Bahnmitarbeitern an unsere Plätze gebracht werden können. Das ist doch mal Service! Um die Rücken der kanadischen Kofferträger zu schonen, gibt es allerdings ein Gewichtslimit von 21 Kilo pro Gepäckstück. Das wussten wir nicht und natürlich waren unsere Koffer zu schwer. Zum Glück waren wir aber diesmal rechtzeitig genug am Bahnhof und konnten noch einmal in Ruhe umpacken.

Endlich drin im kanadischen Zug wird dem geneigten Fahrgast auch in der normalen 2. Klasse Wifi-Möglichkeit und Restaurant-Bedienung am Platz geboten – wir sind überaus erfreut und genießen die anderthalb Stunden Fahrt durch gleichförmige, von Getreidefeldern geprägte  Landschaft. Die Kinder sind durch das Zugfahren an sich genug beschäftigt und ich nutze die Internetverbindung, um an unserem Blog zu arbeiten. Der ist noch ganz neu und nichts funktioniert. Ich stehe vor einem Berg von Fragen: Wie soll er aussehen? Wie wird ein Text bearbeitet? Und wie kann ich irgendeine Art von Struktur anlegen? Ich habe wirklich keine Ahnung. Immerhin schaffe ich es, den Familienwalz-Schriftzug zu entwerfen und hochzuladen.

In Alexandria angekommen, will außer uns niemand aussteigen. Wir raffen unsere sieben Sachen zusammen, schnappen unsere Kinder und versuchen, die Reisenden nach Toronto nicht länger als nötig hier in diesem Provinznest aufzuhalten. Am Bahnhof begrüßt uns eine wahre Zugfahren in Kanada und drei Jungfrauen in Alexandria - CarolynHünin. „Hi, I’m Carolyn„, sagt sie. „Hi“ sagen wir – es ist immer komisch, der erste Moment. Dann packt sie umstandslos unsere beiden zentnerschweren Koffer: „Lass mich das machen, ich arbeite als Zimmerfrau.“ Wir sind verblüfft und erfreut. „Gerne doch!“

Am Auto begrüßen uns Cassiopeia und Aurora, ihre Töchter. Beide warten seit Stunden aufgeregt auf unsere Ankunft. Beim Verladen unseres Gepäcks fallen jede Menge Fußbälle auf die Straße. Nach der Zugfahrt bewegungshungrig stürzen sich unsere Jungs freudestrahlend darauf. „Ich bin auch Fußball-Trainerin“, erklärt Carolyn. „Hast Du gespielt?“, fragen wir. „Nein, ich kenne noch nicht mal die Regeln. Aber ich bringe mir sie gerade bei. Wir machen ‚home schooling‘, das will ich gerne anbieten.“ Ungewöhnlich und spannend, finden wir, das fängt gut an.

Die kurze Autofahrt endet schnell. Die Kinder hatten offensichtlich genug Zeit, auf Tuchfühlung zu gehen. Kaum Zugfahren in Kanada und drei Jungfrauen in Alexandria - Chantalangekommen zerren Aurora und Cassiopeia unsere beiden Jungs ins Kellergeschoß. Ein eigenes Spielzimmer gibt es hier, haben sie zuvor angekündigt. Wir begrüßen Chantal, Carolyns Frau. Sie ist Flugbegleiterin bei der Air Canada und spricht deswegen gut deutsch. Derweil trägt Carolyn leichtfüßig unsere Koffer ins Kinderzimmer der Mädchen. Großzügig haben sie es für uns geräumt und wir können jetzt wählen zwischen Doppelstock-Bett und Matratze auf dem Boden.

Die Kinder sind noch im Spiel vertieft und so können wir uns – das erste Mal auf unserer Reise – tatsächlich als Erwachsene in Ruhe kennenlernen und unterhalten. Es ist schön zu merken, dass sich Carolyn und Chantal auf uns gefreut haben. Und noch schöner ist es, als ich erfahre, dass die beiden mit Alex in den letzten Tagen geheime Konferenzen abgehalten haben, um mir einen wunderbaren Geburtstag zu bereiten. Abends gibt es Kuchen, Kerze, Geschenke und Gesang für mich. Und ein von Cassiopeia eigens gebasteltes Lego-Konstrukt. Ich fühle mich ungewöhnlich reich beschenkt. Denn wir hatten doch morgens schon bei Ariane ein herrliches und sehr angemessenes Frühstück gehabt. Auch mit Kuchen, den hatte Ariane extra noch nachts für mich gebacken. Ariane: „Geburtstag ohne Kuchen, das geht nicht.“ Ach, ich liebe Couchsurfing!

Am nächsten Tag, so wollte es das Schicksal, hat Anton Geburtstag. Er wird fünf und ist jetzt, wie er selbst befindet, ein großer Junge. Carolyn, die mit uns einen extra geplanten Geburtstags-Ausflug in den nahen Wald unternimmt, sieht das offensichtlich ähnlich. Kaum angekommen, greift sie in ihre Tasche und zaubert eine echte Säge hervor. „Hast Du Zugfahren in Kanada und drei Jungfrauen in Alexandria - im WaldLust, einen Baum abzusägen?“, fragt sie. Anton leuchtet wie eine Lampenfabrik. Er nimmt die Säge und widmet sich dieser wichtigen Aufgabe voll Begeisterung und mit fast liebevoller Hingabe. Als Carolyn, die offensichtlich viel von kleinen Jungs versteht, dann auch noch einen Strick hervorzieht, ist das Glück ist perfekt. Das mühsam abgesägte  Bäumchen wird sofort zusammen mit Ästen, Laub und Rinde zu schönsten Häusern und Höhlen weiterverarbeitet. Seinen unübertroffenen Höhepunkt erreicht der Geburtstags-Ausflug, als die Kinder im Wald ein echtes Skelett finden – ist es ein Dino, ein Fuchs oder doch nur eine Katze? – jedenfalls werden hier Kinderträume wahr.

Zugfahren in Kanada und drei Jungfrauen in Alexandria - bei Carolyn & ChantalWas sich in den ersten Stunden bei Carolyn und Chantal andeutet, setzt sich in den nächsten Tagen fort. Wir finden in Alexandria, nach anderthalb Monaten des Herumreisens, das erste Mal so etwas wie ein Zuhause. Es ist schön, so selbstverständlich und von Herzen in eine Familie aufgenommen zu werden. Wir kochen zusammen, kaufen gemeinsam ein und staunen immer wieder über die selbstverständliche Hilfsbereitschaft der beiden Frauen. Als Chantal, auch sie ist vom Sternzeichen Jungfrau, wenige Tage nach Anton ebenfalls Geburtstag hat, ist es uns eine besondere Freude, ihr ihren Lieblingskuchen zu backen: Carrot-Cake. Das Rezept gibt uns Carolyn. Am Abend, beim gemeinsamen Schmausen, stellen wir fest, es ist der Beste, den wir je gegessen haben. Hier ist das Rezept.

Gelungene Geburtstage – was sind deine Lieblingsrezepte? Und: wie rettest du dich aus verpeilten Situationen?

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Petra

TV-Journalistin, Autorin, Entrepreneurin bei Ackerperlen
Ich bin Petra, Mutter zweier toller Jungs und seit 2007 mit meiner Liebe Alexandra verheiratet. Zusammen mit ihr betreibe ich diesen Blog. Darüber hinaus bin ich Jounalistin und Autorin, habe viele Jahre fürs Fernsehen gearbeitet und male, wenn mir die Zeit bleibt, leidenschaftlich gern großformatige Bilder. In meinem TV-Job habe ich die spannenden Geschichten von Talkshow-Gästen vorbereitet. Von August 2014 bis August 2015 habe ich mit meiner Familie eine einjährige Weltreise gemacht. Danach haben wir als Konsequenz der Reise unseren eigenen Bio-Hof "Ackerperlen" gegründet. Das Abenteuer geht also weiter.
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