Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten

Als wir 2013 unsere Weltreise-Pläne verkündeten, ernteten wir neben Begeisterung auch ein großes Unverständnis darüber, das eigene Heim zu verlassen. Wie könnt ihr?! Und dazu noch mit so kleinen Kindern?! Als würde es einem nur in den eigenen vier Wänden gut gehen. Aber ein Jahr ohne eigenes Bad, eigene Küche, die eigenen Dinge zu sein – nein, das erschien vielen völlig ausgeschlossen.

Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - In Valparaiso, ChileIch weiß, es heißt, my home is my castle und Cocooning ist Trend. Außerdem ist das eigene Zuhause für viele wie das Federkleid von Vögeln, wärmend und schützend, wie eine Decke. Zudem lässt sich, den Vögeln gleich, herrlich darüber kommunizieren: Bunte Federn steckt sich der Pfau an, graubraune der Spatz – die Menschen wählen zwischen IKEA und Designermöbeln, zwischen alt und neu, Handwerkskunst und Billigramsch – je nach Geschmack und Geldbeutel.

Und weil die eigene Wohnung, die Möbel, die Bilder, die ganze Einrichtung und all die Sachen, die sich im Laufe deines Lebens angesammelt haben, oft als VerlängerungWas ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - Am Hafen von Coquimbo, Chile deiner eigenen Individualität, als Ausdruck der eigenen Identität, verstanden werden, ist das Zuhause auch so individuell wie des Vogels Federzeichnung. Es zu verlassen, käme dem Rupfen eines Vogels gleich. Nein, das will niemand freiwillig.

Wenngleich auch unser Zuhause sehr individuell ist und uns in jeder Hinsicht spiegelt, haben wir haben es nie als Burg oder als Festung verstanden. Inmitten von Wiesen und Feldern befindet es sich im Spadenland, in diesem sehr kleinen, sehr idyllischen und sehr unbekannten Stadtteil Hamburgs. Auf dem Land lassen viele Leute ihre Haustür noch unverschlossen. Man besucht sich spontan auf ein Schwätzchen, die Taktung ist insgesamt etwas langsamer als in der nahen Stadt.

Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - Hamburg-Spadenland, © Sebastian FuchsSeit drei Jahren leben wir hier, haben uns mit Zeit und Mühe ein Heim geschaffen, das wir alle sehr lieben. Darüber hinaus ist für Alex die Natur, das Erdverbundene, reines Lebenselixier. Hier kann sie ihrem Traum von der eigenen Landwirtschaft endlich nachgehen. Und Anton liebt die Freiheit, die er hier hat. Einfach mit seinem selbst gebauten Indianerbogen hinter dem Haus in den Büschen zu verschwinden, um auf die Pirsch zu gehen, herrlich!

Würden wir es vermissen? Das eigene Bett, die Kinder ihr Spielzeug, die Natur, die eigene Küche, das eigene Bad? Was davon am meisten? Was ist verzichtbar? Was macht eigentlich ein Zuhause aus, für uns, aber auch für die Menschen, die wir auf der ganzen Welt treffen werden? Durch Couchsurfing und Airbnb würden wir ja auch in den Wohnungen anderer Menschen ein Zuhause finden, zumindest zeitweilig. Gibt es eine Zuhause-Formel, die überall gilt?

Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - In St. Apollinaire, Quebec, KanadaIch erinnere mich, dass es in den vorbereitenden Interviews mit den Gästen der NDR Talkshow oftmals um die Frage ging, wie es sich lebt, wenn man ständig unterwegs ist. Schauspieler, Regisseure, Musiker müssen je nach Engagement flexibel sein. Sich überall schnell zuhause zu fühlen, ist da elementar. Die einen führen deshalb einen riesigen Koffer voller Devotionalien mit sich, die sie sorgsam in ihrem Hotelzimmer oder ihrer Garderobe aufbauen. Die nächsten brauchen unbedingt das eigene Kissen. Oder Kerzen. Ein Designer bringt überallhin eigene Glühbirnen mit, weil er das weiße Licht der Energiesparlampen nicht erträgt. Exzentrisch war auch Elton John, der für seinen Besuch eine Garderobe ganz in weiß streichen ließ, ausgestattet mit weißen Möbeln und weißen Lilien.

Nun ist unser Unterwegssein nicht von Dauer. Eigene Kissen, Lampen oder Lilien wären ohnehin völlig unvereinbar mitWas ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - Unser Gepäck unserem Gepäck, mit dem wir inzwischen seit mehr als neun Monaten reisen. Wir haben festgestellt, für unsere Belange ist es völlig ausreichend, ein, zwei Tage am selben Ort zu sein. Spätestens dann sagen wir: „Wir gehen nach Hause.“ Udo Lindenberg singt sinngemäß. „Da wo ich meinen Hut hinhäng’, bin ich Zuhaus’“ – auch so einer, der sich im Übergang eingerichtet hat. Das geht nämlich ganz einfach. Wo unsere Koffer und Taschen sind, da ist unser neues Heim und wenn der Ort nicht zu klein ist und genug Betten hat, ist ein wichtiger Punkt erfüllt. Ein paar Tage mehr und wir haben „unseren“ Supermarkt, „unser“ Restaurant, „unseren“ Kiosk – Strukturen machen Heimat. So schnell? Ja, so schnell! Spätestens nach einer Woche sind wir angekommen, im neuen Heim. Ob das daher kommt, weil wir uns so unbedingt ein Heim wünschen, ohne Bleibe wie wir ja eigentlich sind? Ich glaube nicht. Vielleicht brauchen wir, um uns zu Hause zu fühlen, sehr viel weniger, als wir denken.

Zuallererst Freunde. Sie machen ja auch zu Hause den Unterschied und lassen Hamburg zu einem schöneren Ort werden. Während unseres Unterwegsseins haben wir vor allem natürlich durch das Couchsurfen und Wwoofen überall auf der Welt interessante Menschen kennen gelernt. Sie haben uns ihre Türen und Herzen geöffnet, sie haben uns geholfen, unterstützt, bisweilen gerettet und wir sind glücklich darüber, dass uns einige von ihnen bis heute begleiten. Sie sind zu Freundinnen und Freunden geworden. Durch sie ist uns Kanada, die USA, Chile und sogar China näher gerückt. Ein Zuhause, ja, das gibt es nur mit Freunden.

Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - In Begzsurens Jurte in Ulan-Bator, MongoleiGenug Platz zum Schlafen gehört für uns unbedingt dazu. Wir haben inzwischen in vielen Betten geschlafen, auch auf Sofas, auf unserer Allzweck-Decke, im Flugzeug oder im Bus; in Neuseeland hatten wir unser Bett drei Wochen in einem kleinen Auto und in der Mongolei gab’s ganz oft nur einen Teppich. Ja, mangelnder Schlafkomfort kann das Zuhause-Gefühl maßgeblich beeinträchtigen. Wobei es, wie wir gemerkt haben, relativ ist, was genügend Platz ist.

Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - Unser MicrovanIn unserem Micro-Van in Neuseeland gab es nur eine 1,20m breite Matratze, auf der wir nach Sardinenprinzip alle sehr bequem geschlafen haben – zumindest die ersten zwei Wochen lang, bevor es kalt und regnerisch wurde. Der Nissan war ganz ohne Zweifel unser Heim. Zudem hatten wir das ungemein befreiende Gefühl, dass alle Dinge, die wir unbedingt zum Leben brauchen, in dieses kleine Auto passen. Trotzdem waren wir auch froh, als wir unseren Micro-Van wieder abgegeben haben und wir uns wieder mehr ausbreiten konnten. Genug Platz zu haben, ist schon etwas Großartiges. Gerade, wenn es heiß ist, ist es schrecklich, sich zu viert mit wühligen Kindern ein Bett zu teilen. War es hingegen kalt, wie zuletzt in China oder der Mongolei, reichte ein Bett für alle aus und unsere Kinder waren als zusätzliche Wärmespender sehr willkommen. Aber das ist dann eben nur für kurze Zeit bequem.

Wichtig ist auch das Bad. Wir haben unter unterschiedlichsten hygienischen Bedingungen gelebt, manchmal exquisit, manchmal überaus primitiv: Auf den Philippinen gab’s zum Beispiel oft kein fließendes Wasser und man musste die Klospülung und sämtlichen anderen Wasserverbrauch per Schöpfkelle bewältigen. Und auf unserer Tour durch die Mongolei gab’s überhaupt kein Wasser. Zum Zähneputzen haben wir unser mitgeführtes Trinkwasser genommen, für alles andere Feuchttücher und für die Toilette musste ein gescharrtes Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - In der MongoleiLoch im Boden reichen – bei Wind und Wetter. Trotzdem haben wir uns in dem Ger, in dem wir drei Tage hintereinander übernachtet hatten, irgendwie zu Hause gefühlt, wir haben uns mit der Situation arrangiert – was leicht fiel mit dem Wissen, nicht für immer zu bleiben. Hier auf Bali finden wir, wie im übrigen auch in Vietnam, eine ausgeprägte Badkultur und merken einmal mehr, dass ein anständiges Bad mit fließendem Wasser und eine funktionierenden Toilettenspülung schon sehr elementar für uns ist, um sich zu Hause zu fühlen.

Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - Im Hustai National Park/ MongoleiAlex braucht Weite und Natur, um sich in der Welt zu Hause zu fühlen. Einen Himmel, der wirklich zu sehen ist, Wald, Berge oder Meer. Intakte Natur, wo es ohne Bedenken möglich ist, barfuß zu laufen und die Pflanzen am Wegesrand zu essen. Da kann ein Hotel noch so schön sein. Wenn eine Behausung in einer Innenstadt liegt, ist es nur eine Übergangslösung und kein Zuhause. Je wilder, desto besser. Deswegen werden Länder wie Neuseeland, Chile oder die Mongolei wohl ihre Sehnsuchtsorte bleiben.

Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - Köstlichkeit von Hanois StraßenküchenLiebe geht durch den Magen, heißt es, und das Heimatgefühl ist wohl auch dort angesiedelt. Wir waren vor der Reise sicher, dass wir es vermissen würden, selber zu kochen. Doch dies ist nicht der Fall. Im Gegenteil, die kulinarischen Angebote waren weltweit immer wieder so interessant und verlockend, dass es nach wie vor für uns nicht zwingend nötig ist, zum Heimisch-werden selber zu kochen. Wir haben zudem Glück mit unseren Kindern, deren Essgewohnheiten offen sind und die gerne ausprobieren. Natürlich vermissen wir inzwischen heimische Speisen. Auf den Philippinen sind wir durch Zufall in ein bayerisch-philippinisches Restaurant geraten und haben begeistert Wiener Schnitzel und Bratkartoffeln bestellt und hier auf Bali gibt’s doch tatsächlich einen Bäcker, der aus Deutschland stammt und deutsches Vollkornbrot verkauft. So etwas ist schön – mehr aber auch nicht.

Die Welt ist ein Dorf, das digitale Zeitalter macht’s möglich, und so ist für uns Erwachsene ein schneller Internetzugang unabdingbar. Skype, Facetime und all die anderen Kommunikationshelferlein lassen die Entfernung zu den Daheimgebliebenen schrumpfen, sie sind unsere soziale Nabelschnur. Mit meiner Mutter zu skypen und von ihrem Alltag zu hören, von uns zu erzählen, lässt eine herrliche Normalität entstehen. Wenn diese Verbindung zu unseren Eltern, Freundinnen und Freunden und den Vätern der Kinder für längere Zeit abreisst, geht das zwar, aber die Menschen fehlen uns dann sehr.

Freiheit macht glücklich – und lässt schnell heimisch werden. Das haben wir gut an unseren Kindern beobachten können. Sie sind immer dann glücklich, wenn sie draußen spielen können. Am liebsten unreglementiert. Und wenn Tiere dazu Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - Bei Begzsuren in Ulan-Bator, Mongoleikommen – Hunde, Ziegen, Pferde, Katzen – sind wir als Ansprechpartner ohnehin abgemeldet. Aber auch dort, wo uns ob des herumliegenden Mülls die Haare zu Berge stehen, finden sie es wundervoll: Auf den Philippinen hatte die Bungalow-Anlage, in der wir eine Woche lang zubrachten, einen herrlich verwüsteten Hinterhof – Reste des schrecklichen Taifuns, der dort 2013 gewütet hat. Der Slum, in dem das Ger unserer Couchsurfing-Hosts in der Mongolei stand, bot auch unübertreffliche Spielmöglichkeiten. Abgesehen davon, dass es dort auch noch eine Bande von etwa gleichaltrigen Jungs gab. Eine gemeinsame Sprache? Unwichtig! Wie junge Hunde rollten sich die vier die schmutzigen Abhänge herunter, kämpften und boxten einen Nachmittag lang und lagen sich am Abend lachend in den Armen. „Bitte, bitte, können wir noch länger bleiben“, bettelte Anton, als wir am Tag drauf Begzsuren und seine Familie wieder verließen.

Begzs’ Heim, die Jurte oder vielmehr das Ger, war sicher das speziellste Zuhause, das wir besuchen durften. Nicht nur, weil es eine Jurte ist – wir haben ja auch später auf unserer Tour bei anderen mongolischen Familien übernachtet. Nein, Begzs’ Ger ist im besten Sinne weltoffen. Als wir ankamen, begegneten wir einer russisch-ukrainischen Familie mit ihrem anderthalbjährigen Sohn. Außerdem war da noch ein italienisches Paar, die sich alle seit einigen Tagen den beengten Platz im Zelt mit Begzs, seiner Frau Sayumbo und ihren drei Töchtern teilten.

Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten - Begzs' Frau Sayumbo und ihre TöchterDie anderen Couchsurfer zogen weiter. Wir blieben zwei Tage und bekamen einen Crashkurs in mongolischer Lebensart. Erste Lektion: Privatsphäre, Raum, nur für sich selbst, ein Bad – im Ger von Begzs Familie wirkte das alles wie verspannter, westlicher Irrsinn. Zweite Lektion: Das Klo – zu krass, um darüber zu schreiben. Ich habe noch nie in meinem Leben etwas Widerlicheres gesehen. Dritte Lektion: Das Glück. Trotz des Slums, in dem sie leben, trotz des Mülls und des beschränkten Mobilars ist die Familie ohne Zweifel glücklich. Sie haben wahrscheinlich alles, was sie brauchen. Mehr wäre Ballast.

GIbt es also so etwas wie eine weltumspannende Zuhause-Formel? Ich denke, am grundlegendsten sind Schutz und Regelmäßigkeit. Wenn das gegeben ist, entsteht ein Zuhause-Gefühl. Der europäische oder westliche Anspruch ans eigene Heim ist bezüglich  Ausstattung, Sauberkeit oder Größe weit  entfernt  von der Lebensrealität der meisten Menschen – etwas, das wir mitnehmen werden.

Wie es wohl zu Hause wird? Diese Frage stellen wir uns jetzt, wo das Ende unserer Reise in Sicht kommt, hin und wieder. Natürlich freuen wir uns darauf. Auf unsere lieben Menschen und die Natur mit ihren Jahreszeiten. Die Vorstellung, bald wieder so viel Platz zur Verfügung zu haben, finden wir fast unverschämt. So viele Dinge, das Spielzeug für die Kinder, Bücher, das eigene Bett, die eigene Küche und das Bad – ja, es ist schön, das alles bald wieder zu haben. Aber wir werden wahrscheinlich nach unserer Rückkehr den Kopf schütteln über das Zuviel von allem und verkaufen, verschenken, wegschmeißen. Weniger ist mehr und ein Mehr an Dingen macht eher unfrei. Wichtig ist nicht, dass alles perfekt ist – ha, das wäre bei unserem Haus ohnehin unmöglich – wichtig ist, fünfe grade sein zu lassen und das Leben zu leben.

Ich hoffe, uns bleibt dieser unerhörte Luxus, in dem wir leben, nach der Reise lange bewusst. Es ist in jedem Fall schön, zu wissen, es geht auch ohne – und das ziemlich gut!

Was macht für euch ein Zuhause aus? Was darf auf keinen Fall fehlen? Wie macht ihr euch in der Ferne heimisch?

Petra
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Petra

TV-Journalistin, Autorin, Entrepreneurin bei Ackerperlen
Ich bin Petra, Mutter zweier toller Jungs und seit 2007 mit meiner Liebe Alexandra verheiratet. Zusammen mit ihr betreibe ich diesen Blog. Darüber hinaus bin ich Jounalistin und Autorin, habe viele Jahre fürs Fernsehen gearbeitet und male, wenn mir die Zeit bleibt, leidenschaftlich gern großformatige Bilder. In meinem TV-Job habe ich die spannenden Geschichten von Talkshow-Gästen vorbereitet. Von August 2014 bis August 2015 habe ich mit meiner Familie eine einjährige Weltreise gemacht. Danach haben wir als Konsequenz der Reise unseren eigenen Bio-Hof "Ackerperlen" gegründet. Das Abenteuer geht also weiter.
Petra
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2 Kommentare zu “Was ist eigentlich Zuhause? Sieben elementare Zutaten

  1. San

    Hallo Ihr Lieben,

    Ihr habt den Nagel auf dem Kopf getroffen und ich würde alles so unterschreiben, wie von euch geschrieben.
    Ich habe für mich auch festgestellt, dass ich einfach nur die Person an meiner Seite brauche, die mir am wichtigsten ist/ die ich liebe und dann bin ich zuhause und all der Luxus unwichtig :-)
    LG San

    1. Petra Autor des Beitrags

      Liebe San, danke Dir! Tatsächlich ist es sehr leicht, die Welt zu unserem zu Hause zu machen, weil wir als Familie reisen.

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