Shanghai – Willkommen in der Zukunft

Shanghai - Willkommen in der Zukunft - Shanghais SkylineShanghai wirkt, nach unserem Ausflug auf’s Land, wie der futuristische Gegenentwurf zur mittelalterlichen Szenerie im Dorf Zha Ping Tan. Bunte neue Welt – wenn du schillernde Städte magst – auf jeden Fall sehr beeindruckend. Sogar das Wetter ist schlagartig besser. Laue Frühlingsluft umschmeichelt uns, überall grünt und blüht es, über uns ein strahlender blauer Himmel. Blau? Ja, tatsächlich blau! Wo ist der ganze Smog? Davor wurden wir doch gewarnt. „Passt auf, dass ihr euch nicht vergiftet!“ Dann fallen sie uns auf, die vielen elektrischen Mopeds. Im Unterschied zu Hanoi, wo uns der Verkehrslärm der Milliarden motorisierten Zweiräder umtoste, nähern sich hier die Allzwecktransportmittel geräusch- und vor allem abgaslos. Ob das schon die Auswirkungen des neuen Umweltschutzgesetzes sind, das Anfang des Jahres verabschiedet wurde?

Immerhin hatte Peking auf dem Volkskongress im März 2014 die Umweltverschmutzung als eines der drängendsten Probleme lokalisiert. Li Keqiang, Chinas neuer Regierungschef, erklärte der Umweltverschmutzung sogar „den Krieg“. In der Folge hat China seit Januar 2015 nun ein neues Umweltgesetz, welches erstmals unter anderem empfindlichere Geldstrafen für Umweltsünder formuliert. Shanghai - Willkommen in der Zukunft - blühende LandschaftenEin ehrgeiziges Ziel haben sich die Chinesen ebenfalls gesteckt: „Bis 2017 die Kontrolle über die Luftverschmutzung zu erlangen.“

Generell fällt uns auf: Es fahren erstaunlich wenige Autos auf Shanghais Straßen. Unser Freund Bao, bei dem wir in Shanghai wohnen, erklärt uns, dass es nicht einfach ist, in Shanghai ein Auto zu besitzen und es fahren zu dürfen und schon gar nicht günstig. Allein die Fahrerlaubnis kostet ein kleines Vermögen. Er selbst besitzt nur eine Lizenz, die ihm erlaubt, von seiner Wohnung bis zu seinem Universitäts-Arbeitsplatz zu fahren oder auf speziellen Schnellstraßen aus der Stadt hinaus. Die leeren Straßen in den ersten Tagen sind aber auch dem Quingming-Fest geschuldet, das am 5. und 6. April gefeiert wird. Es ist das bedeutendste Totengedenkfest im chinesischen Jahr, an dem es in China übrigens schon seit Alters her regnet. Dieses Jahr stellt keine Ausnahme dar, insofern war unser Ausflug in die Wuyuan-Region von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Bevor wir uns in der beeindruckenden Stadt treiben lassen können, müssen wir aber erst einmal bei der Polizei vorsprechen. Das Gesetz will, dass wir uns spätestens 24 Stunden nach unserer Einreise als Touristen registrieren lassen. Alex und Bao hatten das zwar gleich am Tag nach unserer Shanghai - Willkommen in der Zukunft - Bao und seine Freundin YoyoAnkunft in Angriff genommen, waren aber aus unerfindlichen Gründen gescheitert. Eigentlich war es ein guter Tag für Amtsgänge gewesen, ein Sonntag und aufgrund des Quingming-Festes nicht viel los. Trotzdem schien Bao schon auf der Hinfahrt seltsam besorgt. Nicht unberechtigt, wie Alex miterleben durfte. Auf der Wache sagte die Polizistin, die über unser Anliegen entscheiden musste, einfach: ‚Nein‘! Und schrie dabei ein bisschen. Nur so. Warum? Und warum ‚Nein‘?, fragte Alex. Das machen die eben so. Wenn du etwas willst, wird nach unten getreten. Irgendwohin muss der Druck ja schließlich, erklärte Bao. Oft gibt es einfach keine Gründe. Willkommen im Willkürstaat.

Ob wir jetzt beim zweiten Versuch mehr Glück haben? Schnell wird es in jedem Fall nicht gehen. Total überlaufen ist das Revier. Es wird Stunden dauern, überhaupt an den Schalter zu gelangen. Alex mit Anton an der Hand. Bao erbarmt sich und erklärt sich bereit, diese Behörden-Tortur alleine durchzustehen. Was für ein Glück haben wir mit diesem Menschen. Aber jetzt: ohne Chinesisch-Kenntnisse und Stadtplan – und ohne Handy –  allein nach Hause finden! Auf dem Weg zur S-Bahn muss Anton zum Klo. Ein besonderer Notfall in Shanghai, wo es nur spärlich öffentliche Toiletten gibt. In jedem Haus, in jedem Café, gibt es ein Nein. „Bu“, heißt das auf Chinesisch. Was tun? Es wird brenzlig. Schließlich, nach sieben Anlaufstationen, verrät ihnen ein Mann: Nicht etwa Restaurants – sondern die Metro-Stationen sind gute Adressen für solche Notlagen. Endlich! Sauber ist es dort auch – noch halten wir es für übertrieben, dass Chinas Bedürfnisanstalten generell so speziell sein sollen.

Auf dem Weg nach Hause zu Bao erlebt Alex noch einmal die Macht Uniformierter.  Der kürzeste Weg von der Metro zu Baos Wohnung im bewachten Hochhauskomplex im Viertel Yangpu führt durch Shanghai - Willkommen in der Zukunft - "unser" Hochhauskomplexden Park der Fudan-Universität. Aber der Wachmann, der die Stätte des Lernens bewacht, hat heute keine Lust auf Durchlassen. Lieber mal nach unten treten. Außen herum sind es nämlich einige Kilometerchen bis zu den Hochhäusern in der Ferne. Es ist fast abends, als sie ankommen. Wenig später trudelt auch Bao ein. Ja, er hat es geschafft, uns zu registrieren. Alles ist gut. Erleichterung auf unserer Seite. China, wir kommen!

Bao schärft uns ein, niemals, niemals ohne unser Polizei-Dekret aus dem Haus zu gehen. Auch nicht ohne unsere Pässe. Und wir sollen, falls wir gefragt werden, auch bloß nicht sagen, dass wir bei ihm wohnen, schließlich hat er uns jetzt bei seiner Freundin Yoyo gemeldet. Warum? Aber es würde uns auch nicht einfallen, schließlich hat keine von uns Lust auf chinesische Gefängnisse. Wir sind froh, dass die beiden das für uns geregelt haben und beschließen, in China nicht weiter per Couchsurfing zu reisen. Das wollen wir keinem weiteren Gastgeber zumuten, diese ganzen Behördengänge.

Ein bisschen eingeschüchtert fahren wir  am nächsten Tag – endlich – mit der super-modernen und super-sauberen Metro in die City. Wir fragen uns, wie die U-Bahnen in Deutschland auf chinesische Augen wirken müssen. An der Nanking Road steigen wir aus. Es ist die Haupt-Shopping-Straße von Shanghai und muss den Vergleich mit Shopping-Straßen in anderen Metropolen nicht scheuen. Breit zieht sich der Boulevard dahin, auf dem einfach alle großen Marken und Firmen vertreten sind. Von wegen sozialistisches Land. Shanghai übertrifft locker Singapur, wo Kapitalismus in Reinform herrscht. Aber die ganzen Millionäre, von denen es inzwischen in China nach den USA weltweit am meisten gibt, haben eben ihre Ansprüche. Allerdings sind chinesische Millionäre wohl keine Laufkunden, in den Läden gibt es nur wenige Menschen. Und für den Normalbürger sind die Preise einfach unerschwinglich.

Shanghai - Willkommen in der Zukunft - Auf der Nanking RoadWir fahren ein Stück mit dem kleinen Bähnchen, das die Shoppingmüden und Fußlahmen rettet. Fünf Minuten. Dann werden wir herausgebeten. Der stolze Preis war nur ‚One Way‘! Wir sind aber zu erschöpft und lösen noch ein Ticket. Theo ist begeistert und winkt huldvoll seinen Untertanen, die ihn begeistert fotografieren. Noch ahnt er nicht, dass Ruhm auch eine bittere Kehrseite hat. Später wird er auf das ständige Fotografiertwerden reagieren wie einige Stars und die lästigen Paparazzi mit Gewalt attackieren.

Auffällig: In Shanghais Mitte gibt es keine armen Menschen. Alle sind sehr gut angezogen. Keine Bettler, keine Obdachlosen. Nirgends. Sollten die Chinesen die Kehrseite kapitalistischen Wirtschaftens in den Griff gekriegt haben? Gibt es sie hier einfach nicht, die Benachteiligten und Ausgebeuteten? Oder hat die Stadt das Problem so gelöst wie vor Jahren San Francisco, wo einfach alle Bettler und Junkies der Stadt verwiesen wurden? Dann fragt ein Mann mit extremen Brandnarben im Gesicht um Geld. Spontan fallen einem die Berichte über Brände in Fabriken in Asien ein. Rente? Entschädigungen? Hier in China, wo es immer wieder zu schweren Arbeitsunfällen kommt, sieht das chinesische Recht vor, dass die Unternehmen die Behandlungskosten übernehmen und auch eine Entschädigung zahlen. Doch was soll ein Mensch tun, so entstellt und sicher nicht arbeitsfähig? Anton ist entsetzt. Alex erklärt. Du kannst dir doch einen Ruck geben und das Gruseln überwinden. Schließlich gibt ihm Anton doch ein bisschen Geld. Ja, es gibt sie auch in Shanghai, Arme und Benachteiligte, tatsächlich sind es aber weniger als in anderen großen Städten weltweit.

Shanghai - Willkommen in der Zukunft - BundAm Bund, der berühmten Quaistraße Shanghais, die die britische Kolonialzeit spiegelt, lassen wir uns von der Wolkenkratzer-Skyline des Stadtteils Pudong beeindrucken: der Oriental Pearltower, das Shanghai World Financial Center, der Shanghai Tower – letzterer das höchste Gebäude Chinas und das zweithöchste in der Welt. 1990 hatte Deng Xiaoping das Grasland östlich des Pu-Flusses zur Sonderwirtschaftszone „Pudong“ erklärt.  Seitdem entwickelte sich Shanghai zum größten Finanzdienstleistungszentrum der Volksrepublik. 2009 hat die „Perle des Ostens“ beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) erstmals Hongkong von Platz eins in China verdrängt. Auch das Pro-Kopf-BIP ist mit fast 8000 Euro nationale Spitze und dreimal so hoch wie der Shanghai - Willkommen in der Zukunft - Mao-Denkmal am BundDurchschnitt. Auf unserer Ufer-Seite des Flusses steht ein großes Mao-Denkmal und schaut versonnen auf das, was seine Nachfolger aus seinem Erbe gemacht haben. Er ist ein beliebtes Fotomotiv,  ein Held offensichtlich, nach wie vor.

Shanghai - Willkommen in der Zukunft - Shanghais SkylineDie unschlagbare Skyline ist allerdings noch beliebter. Unzählige Brautpaare drängen sich hier, dirigiert von hippen Fotografen samt wuseligem Kreativ-Team. Die Frauen sind deutlich zu dünn angezogen für die frühlingskalte Luft. Der helle Wahnsinn. Aber die Tradition will es, dass bereits vor der Hochzeit Mengen von schicken Fotos gemacht werden müssen, die dann am Tag der Hochzeit großformatig in der bereits eingerichteten Wohnung hängen sollen. Das ist ein lukrativer Zweig in China, schließlich müssen für das Shooting Kleider, Schuhe, Accessoires gemietet werden, abgesehen vomShanghai - Willkommen in der Zukunft - Braut am Bund kreativen Team, das das Brautpaar unablässig umschwirrt. Unser Couchsurfer Xi hat uns damals in Hamburg schon von dem ungeheurem Druck erzählt, dem junge Leute in China ausgesetzt sind. Nicht nur die Eltern drängeln, auch Freunde, Bekannte, Kollegen und der Chef fragen unablässig, wann es denn endlich soweit ist. Ob es überhaupt eine Freundin, einen Freund gibt. Die Frage, ob jemand überhaupt heiraten möchte, stellt sich gar nicht. Schon für Heteros ein unangenehmes Prozedere, ist das für Lesben und Schwule die absolute Hölle. Xi ist schwul.

Wir lassen uns treiben, in der Hoffnung, auf ein Café oder ein Teehaus zu treffen, denn es gelüstet uns inzwischen nach einem heißen Getränk. Aber in diesem Punkt enttäuscht Shanghai. Wir finden einfach keinen ganz normalen Tee! Wie kann das sein, im Land des Tees? Ist er hier aus der Mode geraten? Genau so ist es. Besonders junge Leute halten Tee für altmodisch und Kaffee für modern. Aber wir hören später, dass es durchaus Tee und wunderbare Teezeremonien gibt in Shanghai. Und bedauerlicherweise gilt es als eine beliebte Touristenabzocke, vorrangig Alleinreisende zu einer Teezeremonie einzuladen. Gemeinsam und in freundschaftlicher Atmosphäre wird Tee verkostet und erst hinterher wird dann die Rechnung präsentiert: 50 Yuan. Pro Tasse. Da kommt bei sechs oder sieben probierten Tassen schon was zusammen. Aber wir sind als laute, schreiende Familienhorde wohl nicht das Ziel für solche Tee-Schlepper und kommen so nicht in das zweifelhafte Vergnügen einer solchen Teezeremonie.

Shanghai - Willkommen in der Zukunft - Garden BridgeKaffee? Ja, Kaffee fänden wir auch nicht schlecht. Vietnamesischen vielleicht? Den haben wir im Nachbarland lieben gelernt. Doch wir entdecken zunächst nur Ketten, wie das amerikanische Starbucks – ach nö. Wir wollen es gerne ohne Kette, ohne teuer und ohne westlich. Wir wandern weiter über die Garden Bridge, eine kulissenhafte Eisenkonstruktion aus dem 19. Jahrhundert, die wieder gespickt ist mit frierenden Bräuten. Wir treffen einen Schweden, der uns zum Kaffeetrinken die „Seagull Terrace“ empfiehlt. Das Restaurant böte einen unbeschreiblichen Ausblick. Die Terrasse ist groß und beeindruckt tatsächlich mit Aussicht. Die Karte tut dasselbe mit ihren Preisen. Kein Wunder, dass es gänzlich leer ist.

Die Bestellung wird an den Tisch gebracht, rein äußerlich kommt es dem schwarzen Filterkaffee und dem Cappuccino, den wir bestellt hatten, nahe. Geschmacklich erleben wir den wohl schlechtesten Kaffee der ganzen Welt. Der Filterkaffee erinnert nur entfernt nach gebrannten Bohnen und ist kalt. Der Cappuccino: ein Tütenaufguss, der höchst befremdlich nach Chemie schmeckt, das aufgeschäumte Irgendwas obendrauf ist kalt, aber auch keine Sprühsahne – wirklich gruselig. Auch der Erdbeer-Shake, den wir für die Kinder bestellt hatten, ist ganz erstaunlich. Er erinnert ein bisschen an die Erdbeer-Milch aus der Schule, nur mit viel Fantasie ist Erbeergeschmack  zu finden und es schmeckt einfach scheußlich. Kein Wunder, dass Anton und Theo, die sonst nicht so krüsch sind, wenn es um Süßes geht, dieses Getränk verschmähen.

Shanghai - Willkommen in der Zukunft - Am BundWir ziehen weiter. Zurück am Bund geben unsere Kinder eine Vorstellung ihres wilden Spiels. Die Chinesen sind hingerissen und fotografieren was das Zeug hält. Das ist erst lustig, dann nervt es ungemein. Gegen die Sinnlosigkeit eines ‚Neins‘ hilft: Zurückschießen. Alex macht sich daran, Fotografierende abzulichten. Am Ende zieht es uns doch noch in eine Filiale der eben noch so hochmütig verschmähten Starbucks-Kette. Ach, es ist ein wirklicher, echter Kaffee! Das überall auf der Welt gleiche kuschelige Interieur tut, was es soll und vermittelt Heimat und Geborgenheit. Wir lassen und wortwörtlich auf die weichen Sofas fallen und genießen die Erholungspause vom chinesischen way of life. Sind wir stark genug für China?

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Petra

TV-Journalistin, Autorin, Entrepreneurin bei Ackerperlen
Ich bin Petra, Mutter zweier toller Jungs und seit 2007 mit meiner Liebe Alexandra verheiratet. Zusammen mit ihr betreibe ich diesen Blog. Darüber hinaus bin ich Jounalistin und Autorin, habe viele Jahre fürs Fernsehen gearbeitet und male, wenn mir die Zeit bleibt, leidenschaftlich gern großformatige Bilder. In meinem TV-Job habe ich die spannenden Geschichten von Talkshow-Gästen vorbereitet. Von August 2014 bis August 2015 habe ich mit meiner Familie eine einjährige Weltreise gemacht. Danach haben wir als Konsequenz der Reise unseren eigenen Bio-Hof "Ackerperlen" gegründet. Das Abenteuer geht also weiter.
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