Magisches Pisco Elqui – Sterne, Wein und echte Schätze

Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - Valle de Elqui, © Ekkehard und Almut HelmholdDer Ruf der Magie eilt dem Gebiet des Valle de Elqui weit voraus. Hier soll eines der Kraftzentren der Erde liegen. Gegen mehr Kraft haben wir absolut nichts einzuwenden und gegen mehr Sonne auch nicht. Aus Coquimbo waren wir schnatternd geflohen und fanden uns in einem wahren Paradies wieder. Hier wollten wir gerne länger bleiben und hatten schließlich das Glück, im vielleicht schönsten Eckchen der Gegend ein Domizil zu finden. 

Das Valle de Elqui ist nicht nur berühmt für seinen außergewöhnlich gut sichtbaren Sternenhimmel – es gibt Sternwarten wie Sand am Meer – es ist auch auch extrem sonnenenverwöhnt, das ganze Jahr über, alles wächst und gedeiht hervorragend in den Oasen am Fuße der pyramidalen Andenberge. Dass ihnen magische Kräfte nachgesagt werden, ist nicht verwunderlich. Allein dass sich die Klimazonen nach kurzer Fahrt vom Meer kommend komplett ändern, bringt zum Staunen. Plötzlich stehen da Bilderbuch-Kakteen am Straßenrand, ziehen sich Wüsten die Hänge hoch, die zu wahren Anden-Giganten werden, währenddessen sich weiter unten Weinfelder und Obstbaumplantagen erstrecken. Die Landschaft sieht so aus, als wären wir auf einem anderen Planeten gelandet. Und dann bemerken wir, dass es immer heißer wird, je höher wir fahren. Verkehrte Welt. Eine andere Welt.

Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - Pisco Elqui, © Ekkehard und Almut HelmholdIm kleinen Dorf Pisco Elqui finden wir im Garten des Hotels „El Tesoro“ – spanisch: „der Schatz“ – wirkliche Schätze. Überall blüht es, die Bäume und Büsche tragen süße Orangen, Aprikosen, Mispeln und die verwunschenen Wege durch das Paradies führen zum ovalen Pool. Von dort aus lässt sich der Sonnenuntergang – und der riesige Mond – in leuchtenden, orangenen Farben vor der spektakulären Bergkulisse genießen. Die Höhe und Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - Wandbild im Busbahnhof in La Serenadie berühmte Tonerde der Region machen das besondere Licht aus, diese extremen Farben, die einen in Helligkeit, Rot, Orange und Gelb schwelgen lassen. Aus dieser bunten Erde wurde – und wird – der Töpferton hergestellt, aus dem die indigenen Völker der Anden wahre Schätze herstellen. Eine Vielfalt dieser Töpfereien hatten wir schon in einer Austellung im Kulturzentrum des Kellergeschosses des Präsidentenpalastes La Moneda in Santiago de Chile bewundert.

Ein Schatz sind auch die Menschen, die hier leben und arbeiten. Klaus und Ina, die Besitzer unseres kleinen Hotels – dem „El Tesoro“ – in Pisco Elqui kommen aus Deutschland, sie haben hier ihren Auswandertraum verwirklicht. Neben uns wohnt Harald, den wir schon hinter dem Bartresen am Pool gesehen haben, wir verstehen uns wunderbar, es ist so unkompliziert und wie zu früheren WG-Zeiten. Abends wird gegrillt – ein Versuch, das berühmte südamerikanische Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - Barbecue im Hotel Tesoro, Pisco ElquiFleisch auch berühmt hinzubekommen. Harald ist so ein leidenschaftlicher Grill-Fan, dass er mit Freunden besonders schöne Fleischfotos austauscht. Aber wir haben auch andere Themen. Die Abende werden lang. Harald ist nur übergangsweise hier. Neu beginnen. Die Zukunft planen. Das sind große Themen, auch für uns. Ebenso für Klaus und Ina, die Inhabenden des Hotels, sie planen einen Neuanfang in Deutschland. Die Tochter kommt in die Schule und die stundenlangen Buswege in die Stadt wollen sie ihr nicht zumuten. Es muss schwer sein, so ein Paradies zu verlassen.

Loslassen, noch einmal ganz neu beginnen, Träume verwirklichen – das sind Themen von ganz vielen, vor allem in unserem Alter, mit vierzig, fünfzig. Aber auch Mitte Zwanzigjährige fragen sich oft am Ende ihrer Ausbildung, ob der Beruf, das angepeilte Leben, wirklich das passende ist. Noch ist Zeit, neu zu denken. Aber eigentlich ist immer Zeit, neu zu denken. Wir treffen auf unserer Reise immer wieder Menschen mit diesen Gedanken. Oft ist eine Reise genau das Richtige, um den Kopf frei zu bekommen für Neues. Du siehst viele verschiedene Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - Graffitti in ValparaisoLebensentwürfe, die inspierend sein können. Du lernst flexibel zu sein, dich meistens mit weniger Komfort als Zuhause zufrieden zu geben und das Kleine noch mehr zu achten. Mit Glück verlernst du auch ein paar deiner Neurosen, was vielleicht das Wichtigste ist. Und auf Reisen lebst du jeden Tag neu, musst dich ständig umstellen. Perfekte Bedingungen und Lernfelder um danach diese Fähigkeiten im Alltag in einem vielleicht ganz neuem Leben umzusetzen. Existenzgründer in Deutschland haben uns das schon vorher erzählt. Der Absprung aus dem alten Leben gelang durch eine Reise. Viele Reisenden, die wir treffen, tragen sich mit diesen Gedanken. Eine lange Reise mit viel Neuem macht auch für zu Hause Mut. Wir sammeln Mut.

Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - Hotel "El Tesoro"Erst einmal erholen wir uns, lassen die Kinder laufen – auch hier lebt ein sehr nettes, fast gleichaltriges, kleines Mädchen – und die Großen können in Ruhe arbeiten. In der geborgenen Atmosphäre lassen sich auch schwerere Themen angehen. Außerdem will Weihnachtspost geschrieben werden, das scheint uns vollkommen absurd bei über dreißig Grad. Weihnachten in Chile ist eher mit Grill-Abenden und Badeurlaub verbunden als mit Schnee und kuscheligen Öfen.

Als uns wieder die Ausflugslaune packt, wandern wir – unter brennender Sonne – Richtung Fluss. Nicht weit von hier soll es eine schöne Badestelle geben. Aber jeder Meter dehnt sich, wenn es so heiß ist und die Meterangabe war auch stark untertrieben. Ich peitsche unsere kleine Wandertruppe voran, mit dem Gedanken an eiskaltes Bergwasser. Als wir endlich eintreffen, bannt erst einmal ein Baum, der wahrhaft weihnachtlich und verzaubert aussieht: er ist über und über mit rot-rosa  Kügelchen behängt. Es ist der duftende rosa Baumpfeffer, neben Rosmarin mein absolutes Lieblingsgewürz, scharf und süß. Wild! Wir stopfen uns die Taschen voll, das wird nach Deutschland geschickt! Der Fluss ist hier gestaut und hält die Versprechen: er ist erfrischend eiskalt. Es ist wundervoll, darin zu liegen, umtost von frischem Quellwasser. Auf dem Rückweg wird getrampt, keine Widerrede. Ganz bald hält ein kleiner Trecker mit Hänger, besser gehts nicht, wir lassen uns ordentlich durchrütteln und sind bald zu Hause. „Zu Hause“, ja, so fühlen wir uns und das ist unbezahlbar.

Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - In Chepu,ChiloéNeben den besonderen Sternen sind die trittsicheren Pferde hier eine echte Attraktion. Mal wieder aufs Pferd, das wird meinen Nerven guttun, die mich in der Hitze mit MS-Symptomen etwas piesacken. Hippotherapie ist ein anerkanntes Therapieverfahren. Verschiedene Bereiche des Gehirns werden dadurch enorm stimuliert, das Geh-Muster wird übertragen, der Gleichgewichtssinn angeregt und der wichtige Cranio-Sacral-Rhythmus im Nervenwasser des Rückenmarkskanals harmonisiert. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wirksam regelmäßiges Reiten ist. Von meinem ersten Selbstverdienten habe ich mir mit 19 – nach einem mehrmonatigen Arbeitsaufenthalt auf Island – einen Isländerhengst gekauft, der mich zehn Jahre treu begleitet hat.

Als ich während meiner Landwirtschaftsausbildung mit 24 Jahren die MS-Diagnose bekam, war der erste Gedanke: „Scheiße“. Und dann: „Körpertherapie mache ich sowieso schon, die Basis, Tanz- und Musiktherapeutin wollte ich früher werden – dann eben jetzt täglich das volle Programm mit mir selbst – und einen wichtigen Heiler habe ich ja an meiner Seite, er trägt mich. Ich setzte all meine Kraft und Zeit in Heilungsarbeit und ich hatte Glück – mir ging es, nach ein paar extrem harten Jahren, wieder besser undMagisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze -  In Puerto Varas heute meistens gut. Ich bin mir sicher, dass diese tägliche Mischung die MS – und einen Morbus Crohn, auch nicht schön – wieder beruhigen konnte. Neben der Schulmedizin, die ich in den ersten Jahren auch nicht verdammt habe. Nach einem Jahr intensivster Arbeit mit mir selbst hatte ich sensationelle Kernspinergebnisse. Bei der Diagnose noch in Hülle und Fülle vorhandene so genannte Läsionen in Gehirn und Rückenmark waren zum großen Teil geschrumpft oder ganz verschwunden. Zu dem Zeitpunkt – 1999 –  war diese Möglichkeit einer MS-Entwicklung etlichen „Spezialisten“ noch gar nicht bekannt. Der Radiologe zweifelte die Diagnose an, murmelte etwas von vertauschten Bildern, konnte es gar nicht fassen. Aber so ist es, der Körper ist auch in den schlimmsten Situationen in der Lage, ein enormes Selbstheilungspotential zu entwickeln. Nicht von ganz alleine, es bedeutet Arbeit. Aber welche Arbeit könnte sinnvoller sein?

Als ich alleine Richtung Stall losziehe, brüllt Anton leider außer sich vor Wut. Er will mit. Ohne Helm lassen wir ihn aber nicht in die hohen Berge. Als ich auf dem Pferderücken sitze und es immer steiler wird, frage ich mich allerdings auch, ob ich lebensmüde bin. So extreme Steigungen habe ich noch nie gesehen, nicht vom Pferderücken aus, und bis jetzt gab es immer die Ahnung von einem Pfad. Der Boden war fest, nicht wie hier wüstensandweich. Neben mir gehen die losgetretenen Erdlawinen ins Tal und ich zwinge mich, nicht daran zu denken, dass auch wir den gleichen Weg nehmen könnten. Aber ohne Zweifel: es ist toll! Und wir kommen heile wieder unten an. Die Pferde kennen das Gelände, sie testen manchmal ganz vorsichtig, ob der Boden fest genug ist, sie sind hier zu Hause. Ruhig und ganz selbstverständlich finden sie ihren Weg von alleine. Du musst nichts tun. Im Gegenteil: Du darfst sie nicht dabei stören. Nervosität überträgt sich nur, ruhig bleiben und atmen und einfach geschehen lassen. Wieder einmal ein Gefühl, das ich kenne und liebe. Auf dem Hof dürfen die Kinder doch noch eine Runde auf dem Pferderücken drehen und sind glücklich.

Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - Valle de ElquiPisco Elqui ist sehr besonders, das ist vor allem an den Bewohnern zu merken. Und an den Dingen, die sie machen. Massage, Meditationen, Reiki, Kräuter. Die Hausmasseurin ist fantastisch und dabei ganz geerdet. Der Nachbar mit seinem „Heilzaubergarten“ eher skurril und ganz verschreckt, als ich sachlich nach Ruta frage, der in den Anden ansässigen – bei Multipler Sklerose in der Volksmedizin angewandten – Heilpflanze. MS!? Panischer Blick. Oh nein, oh je. Seufzen. Der Arme tut mir regelrecht leid. Diese Reaktion kenne ich gut. Zwei Buchstaben und den Menschen steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Auch „Professionellen“, die den Umgang mit Krankheiten doch gelernt haben sollten. Aber das ist nicht Teil eines Medizinstudiums. Dabei macht es eine Menge aus, wenn Menschen nicht mit so genannten Killer-Sätzen reagieren, sondern mit Gelassenheit und Mitgefühl, ohne sich in eigene Ängste fallen zu lassen. Schön, wenn sich Menschen zusammenreißenMagisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - Ruta im Valle de Elqui und du nicht sofort trösten musst: „Keine Angst, es ist ok, mir geht es gar nicht so schlecht, ist ja auch nicht ansteckend.“ Lächeln. Fast entschuldigend. Und sehr anstrengend. Die MS ist besser als ihr Ruf, heißt so ähnlich lautet ein Buchtitel und so ist es auch – wenn du Glück hast und einen „guten“ Verlauf in der großen Los-Kiste ziehst. Wenn du nicht aufgibst, auch in richtig miesen Zeiten. Dir Unterstützung holst und Hilfe zulässt, dich hegst und pflegst und einen sehr, sehr langen Atem lernst, in jeder Hinsicht.

Dazu gehört, den Sinnen Grund zur Freude zu geben, in jeder Hinsicht. Da ist auch ein guter Tropfen ab und an nicht das Schlechteste. Wir sind in Chile, einem Weltklasse-Weinland. Dieses Tal ist das Mekka des aus süßen Trauben bestehenden Pisco. Pur schmeckt er Grappa ähnlich, Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - Pisco Sournur leichter, und als Nationalcocktail Pisco Sour mit Zitronensaft, Puderzucker und geschäumtem Eiweiß ist er unwiderstehlich. Da darf der Besuch einer der vielen Destillerien natürlich nicht fehlen. Im Nachbarort noch weiter bergauf gibt es einen kleinen Familienbetrieb, Fundo Los Nichos. Doch wie hinkommen? Die Sonne knallt, es fährt kein Bus, hier gibt es auch keine Taxis. Wir trampen wieder. Wie überall auf der Welt in abgelegenen Gebieten wissen alle, wie es sich anfühlt, kein Auto zu haben und helfen gerne. Und wer hält? Ein Feuerwehrauto! Das ist wie Weihnachten und Ostern zusammen, die Kinder sind ganz andächtig, als wir Platz nehmen. Sogar die Sirene darf kurz aufjaulen. Halleluja! Angekommen an der bildhübschen Destillerie, bekommen wir Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - Die Destillerie Fundo Los Nichoseine liebevolle Führung von einer jungen Frau. Sie spricht kein Englisch, aber auch kein Deutsch, kein Französisch und kein Russisch. Beim Spanisch sind wir noch blutige Anfängerinnen. Aber weil wir so interessiert sind, fällt sicher nicht auf, wie wenig wir verstehen. Der Betrieb ist wirklich winzig, die alten Geräte und Gebäude sind beeindruckend, die viele Handarbeit, die Liebe zum Werk. Im Keller wird es spannend, viele Familienfeste stiegen hier und die Gäste verewigten sich mit Gedichten und Sprüchen an den Wänden. Zur Krönung spukt es hier natürlich auch. Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - In der Destillerie Fundo Los NichosDer Verstorbene, der auch schon Pisco herstellte, ist aber ganz friedlich. Es ist nur allzu verständlich, dass er auch nach dem Tode noch mitfeiern will. Sogar ein echtes Foto gibt es vom Familiengespenst. Uns hat er sich leider nicht gezeigt.

Wir tragen nach einer köstlichen Verkostung der verschiedenen Reifegraden unseren eigenen, kleinen Pisco-Schatz „nach Hause“. Weil er so stark ist, begleitet er uns in einer kleinen Wasserflasche lange Zeit und erinnert uns an die netten Menschen, die ihn herstellen, Magisches Pisco Elqui - Sterne, Wein und echte Schätze - Im Valle de Elqui, © Ekkehard und Almut Helmholddie steilen Hänge, an denen alles so gut gedeiht und den heißen Wind der Anden. Es gibt viele schöne Orte, die wir auf unserer Reise entdecken dürfen, einige, die wir besonders schön finden, aber nur wenige, die wirklich zu einem Zuhause werden. Pisco Elqui gehört dazu.

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Ich bin Mutter von zwei tollen Jungs und seit 2007 mit Petra verheiratet. Leidenschaftlich gerne schreibe ich und bin gelernte Landwirtin, gebe Klavier- und Gesangsunterricht und seit der Diagnose von Autoimmunerkrankungen setze ich mich erfolgreich mit Heilungswegen auseinander. Zusammen mit Petra betreibe ich diesen Blog.
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