Die Erotik einer Walfahrt

„Oh! A Minky!“ ruft die Frau enthusiastisch mit französischem Akzent. Sie ist unser Tourguide für die Schifffahrt, auf der wir Wale sehen wollen. Ich wusste vorher nicht, dass eine Waltour auch erotisch sein kann – jetzt weiß ich es besser. Jeden Wal, jedes Auftauchen und Abtauchen kommentiert sie mit leicht rauher, aufgeregter Stimme, dazwischen erzählt sie voll Liebe und Zuneigung über die Population der Meeressäuger im kanadischen Sankt-Lorenz-Strom. Sie könnte auch einen Binärcode, der nur aus Nullen und Einsen besteht, vorlesen, ich könnte ewig zuhören.

Doch ganz verlieren kann ich mich nicht, zu spektakulär ist das, was wir erleben. Aufs Ausflugsboot waren wir am frühen Nachmittag in Saint-Cathèrine bei Tadoussac gestiegen. Es gab hier zwar nicht wie in Dingle/ Irland das Versprechen, einen Delphin zu sehen, aber alle waren sicher, auf der dreistündigen Bootsfahrt werden sie sich zeigen, die Wale. Familienwalz - Erotik einer Walfahrt - Auf der Suche nach dem WalDie Kinder sind entsprechend aufgeregt: „Wo sind sie denn nun die Wale?!“ Wir haben Glück, denn das Wetter, das mit empfindlicher Kälte und Regen schon den beginnenden Herbst ankündigt, war am Morgen aufgeklart. Die See ist ruhig. Kalt ist es dennoch.

Erste Aufregung, als sich eine Robbe zeigt. Zu Hunderten leben sie im kalten Sankt-Lorenz-Strom, auch Belugas, Buckelwale und große Finnwale gibt es hier. Jedoch noch zeigt sich keiner. Unsere französische Biologin moderiert unbeflissen darüber hinweg und wir lauschen hingerissen. Plötzlich kommt Bewegung in ihre Stimme, Familienwalz - Erotik einer Walfahrt - Finnwal im Sankt-Lorenz-Stromnordöstlich hat sie einen Finnwal gesichtet: „A Minky!“. Der erste von vielen, die wir nun sehen. Und dann: „A Humpback!“. Ein Buckelwal! Erst nur der Blas, dann der Rücken mit dem Atemloch, aus dem es faucht. Anton ist aufgeregt, wir auch. Theo schläft. Die ganze Zeit.

Wir folgen dem Buckelwal eine ganze Weile – oder folgt er uns? Neben uns ein kleines gelbes Schlauchboot, darin die Menschen mit roten, wasserabweisenden Ganzkörperanzügen, dem Wal ganz nahe. Familienwalz - Erotik einer Walfahrt - Buckelwal im Sankt-Lorenz-StromWie es sich anfühlt, wenn ein riesiger Wal direkt neben deinem Boot auftaucht, erleben wir später im Humboldt Nationalpark in Chile. Unglaublich bewegend ist das und auch beängstigend, denn wir sehen unmittelbar, wie gigantisch dieses Tier ist. Allein der Kopf ist so groß wie unser Boot, die gewellten Brustflossen wie riesige Segel. Es ist ein freundlicher Wal, zum Glück. Die Möglichkeit, unsere kleine Nussschale umzukippen, nimmt er nicht wahr.

Erst wenn ein Wal nach seiner Atempause wieder ins Meer abtaucht, sieht man seine Schwanzflosse, die Flunke. Familienwalz - Erotik einer Walfahrt - Buckelwal im Sankt-Lorenz-StromDas sind die Momente, auf die alle im Boot warten, mit gezückter Kamera. Ich auch, klar. Trotzdem bin ich froh, als nach der Hälfte der Zeit die Batterie unserer Kamera erschöpft ist und ich auch keine zweite dabei habe. Anfängerfehler. Aber es gibt mir immerhin die Gelegenheit, dem Naturschauspiel ganz entspannt zu folgen. Unvergesslich, als ein kleiner Finnwal direkt vor unserem Boot in die Luft springt, ganz deutlich konnten wir den weiß-rosa Bauch sehen. Und zu wissen, dass in dem engen Kanal, in dem wir uns in diesem Moment befinden, einige dieser riesigen Tiere schwimmen, gruselt ein bisschen.

Erotik einer Walfahrt - Am Sankt-Lorenz-StromRechtzeitig als wir uns auf den Rückweg machen, erwacht Theo. Keine Walsichtung für ihn, egal. Er ist froh, dass die afghanische Familie, die mit uns auf dem Boot ist, eine riesige Tüte Gemüsechips dabei hat. Freigiebig geben sie mit vollen Händen und unsere Kinder stopfen vergnügt. So eine Seefahrt macht halt hungrig. Wir sind satt – auch ohne Chips. Vollgefüllt mit wunderbaren Aussichten und Einsichten, außerdem durften wir einen wunderbaren Ohrenschmaus genießen. „A Minky!“ rufen wir bis heute hin und wieder und erinnern uns an unsere wunderbare Walfahrt auf dem Sankt-Lorenz-Strom.

Petra
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Petra

TV-Journalistin, Autorin, Entrepreneurin bei Ackerperlen
Ich bin Petra, Mutter zweier toller Jungs und seit 2007 mit meiner Liebe Alexandra verheiratet. Zusammen mit ihr betreibe ich diesen Blog. Darüber hinaus bin ich Jounalistin und Autorin, habe viele Jahre fürs Fernsehen gearbeitet und male, wenn mir die Zeit bleibt, leidenschaftlich gern großformatige Bilder. In meinem TV-Job habe ich die spannenden Geschichten von Talkshow-Gästen vorbereitet. Von August 2014 bis August 2015 habe ich mit meiner Familie eine einjährige Weltreise gemacht. Danach haben wir als Konsequenz der Reise unseren eigenen Bio-Hof "Ackerperlen" gegründet. Das Abenteuer geht also weiter.
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