Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen

Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Weinfelder auf dem Weg nach La SerenaEndlich ein Reisebuch! Auf einer Busfahrt hatten uns nette Schweizer ihren Chile-Reiseführer geliehen – und ich habe auch Zeit, um ein bisschen Reiseplanung betreiben zu können. Sich nicht nur vom Schicksal von A nach B treiben zu lassen, sondern etwas bewusst auszuwählen und sich darauf zu freuen – auch mal schön. Ich liebe das. Im Vorfeld hatten wir für diese Region nur das Meer vorgesehen, zufriedene Kinder und für uns Zeit zum Arbeiten. Aber hier gibt es so viel zu entdecken, einzigartige Berglandschaften, die Stadt La Serena und den berühmten Humboldt-Nationalpark: seltene Vögel, die gleichnamigen Pinguine und Wale! Natürlich auch Strände. Eigentlich wollten wir zuerst nach La Serena. Aber im Buch macht Coquimbo neugierig, La Serenas Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Austern in Coquimboarme, aber lebendige Schwester am Meer. Am Hafen soll es riesige Seelöwen geben und köstliches Ceviche – Chiles rohe Meeresfrüchte mit Limonensaft – außerdem wird von einem Hostel geschwärmt, das wir sogleich buchen.

Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Hafen in CoquimboEs ist dunkel, als wir in Coquimbo ankommen, die Lichter der Stadt glitzern festlich und als wir aus dem Bus steigen, spielt eine Blaskapelle. Das wäre doch nicht nötig gewesen. Aber sehr aufmerksam. Wir fahren am Hafen entlang und die Kräne erinnern an die Heimat Hamburg. Unser Viertel wirkt komplett verlassen und am Hostal scheint die Tür verschlossen, kein Mensch ist zu sehen. Uns ist unheimlich. Schließlich erscheint die Rettung, ein netter Gast erklärt uns den Türtrick und hilft uns mit dem schweren Gepäck. Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Hostal Nomade in CoquimboOb die lange Treppe das aushält? Die schmalen, uralten Bohlen ächzen arg. Wir sind froh, dass wir – ohne dass die Kinder abgestürzt sind – oben angelangt sind. Das ehemals herrschaftliche Holzhaus hat schon bessere Tage gesehen, die schwärmerische Bewertung stammt wohl auch aus alten Zeiten. In unserem Zimmer stehen fünf Betten nebeneinander, zusammengeschoben ergibt das ein amtliches Jugenherbergslager, die Decke ist behelfsmäßig mit einem Tuch abgehängt, wir hören etwa hundert Tauben gurren, die auf dem Blechdach darüber wohnen.

Im Buch stand etwas von schönem Garten, wir sitzen morgens kurz fröstelnd in dieser verwahrlosten Wüstenei ohne Pflanzen und machen uns schnell auf Richtung Hafen. Es ist extrem viel kälter, als wir vermutet hatten und so Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Kulturhaus in Coquimboverwerfen wir die Idee vom Haus am Meer. Im örtlichen Museum finden wir eine fantastische Wort-Klang-Installation und schwebende Holzmöwen im idyllischen Innenhof. Ansonsten begeistert uns Coquimbo nur mäßig, das berühmte englische Viertel ist vor allem wegen seines Nachtlebens bekannt, von dem wir natürlich nichts mitbekommen. Außer einem volltrunkenen Mann, der rückwärts aus einer Bar-Tür fällt – oder gestoßen wird – und in der Morgensonne liegenbleibt. Für die ganze Familie ein beeindruckendes Spektakel. Seitdem passt Anton gut auf, dass wir nicht mehr als ein Bier trinken.

An der nächsten Kreuzung gibt es einen Stau. Musik. Bunte Transparente. Wir laufen kurz bei einer Demo für bessere Arbeitsbedingungen für Coquimbos Lehrer und Lehrerinnen mit. Schule ist Gegenwart plus Zukunft und eine bessere Zukunft können Coquimbos Kinder nun wirklich gebrauchen. Chiles Protestkultur – auch die von SchülerInnen und Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Demo für ein bessere Schulsystem in CoquimboStudentInnen – kann sich sehen lassen. Die Tradition in Südamerika, durch Wandbilder auf Probleme aufmerksam zu machen, ist neben der Notwendigkeit auch noch wunderschön. Musik gehört auch in jedem Fall dazu, kaum ein Land hat so eine Fülle an Protestliedern. Es macht Spaß, hier in Coquimbo mitzugehen. Im April und Juni 2015 demonstrierten wieder Hunderttausende in Santiago de Chile und in anderen Städten für eine besser Bildung, gegen Korruption und gegen eine ungenügende und übereilte Bildungsreform. Das Bildungssystem stammt noch aus Diktator Pinochets Zeiten und zementiert Klassenunterschiede, die oberen Schichten schicken ihre Kinder natürlich auf Privatschulen. Und Korruption ist leider ein großes Thema, in den letzten Jahren gab es einige Skandale, Bestechungsgelder flossen aus der Staatstasche in die von Industriellen – für nie getätigte Beratung.

Wir haben Hunger. Am Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Seelöwen im Hafen von CoquimboFischereihafen gibt es eine Halle voller Fischrestaurants vor der bestialisch stinkenden Mole, wir essen schlecht und zu teuer, Pech gehabt. Aber das macht nichts, die wahre Attraktion sind riesige Pelikane und Seelöwen, die wir so noch nie zuvor gesehen haben. Wahre Giganten sonnen sich hier in großen Herden, zum Greifen nah. Daher also der beißende Geruch. Plötzlich erhebt sich einer der Riesen, meterhoch, bis an Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Seelöwen im Hafen von Coquimbodie Balustrade, wo wir eben selbst noch standen. Ein Mann füttert ihn mit Fischköpfen und er muss Schutzengel zu Hauf haben, dass er weder die Hand abgebissen bekommt – die Viecher haben gewaltige Zähne – noch über die Reeling kippt, denn er hat mehr getankt, als ihm bekommt.

Bei aller Begeisterung über diese wunderschönen Tiere, richtig wohl fühlen wir uns in Coquimbo nicht und so machen wir am nächsten Tag Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Pelikane im Hafen von Coquimbolieber einen Tagesausflug ins berühmte Valle de Elqui. Ich hatte so viel Schönes darüber gelesen und dann schwärmte ein Mitbewohner im Hostal so sehr, dass wir gar nicht anders können. Hier durchfahren und keinen Abstecher dorthin machen, das geht einfach nicht. Das ist doch wieder eine Fügung, denken wir, denn schon die Hinfahrt verschlägt uns den Atem. Es geht höher und höher in die Anden, durch Weinfelder, an Dörfern und an einem Stausee entlang. Seltsamerweise wird es immer heißer, eine komplett andere Klimazone erwartet uns, nur eine Stunde Fahrt vom kalten Meer entfernt. Netze bedecken die Weinhänge am Fuße der Berge, oben gibt es nur noch Sand und riesige Kakteen, die klassischen mit den schönen Seitenarmen.Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Im Valle de Elqui, © Ekkehard & Almut Helmhold Die Netze fangen nachts den Tau auf, denn es regnet hier so gut wie nie. Im Tal fliesst ein amtlicher Strom, aber an den Hängen gäbe es sonst kaum Wasser. Als wäre eine Wüste in die Höhe gezogen worden, wie mit dem Lineal gezogen verläuft die letzte grüne Linie.

Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Im Valle de Elqui,  © Ekkehard & Almut HelmholdDie Gipfel spitzen sich geometrisch zu, viele wie Pyramiden, die Szenerie ist sehr majestätisch. Die verschiedenen Sandfarben erzeugen ein magisches orange-rotes Licht, dazu das Oasengrün in den Tälern – eine atemberaubende Mischung. Nun verstehen wir, warum es so viele spirituelle Menschen in diese Region zieht. Die Höhe und die klare Luft bewirken, dass der Sternenhimmel so nah ist wie vielleicht nirgendwo anders auf der Welt. Auf den Gipfeln stehen Sternwarten und viele Bewohner hier haben Teleskope, um die faszinierende Welt der Sterne zu beobachten. Die Weltraumforschung etlicher Länder, auch die NASA, hat hier ihre Standorte. Außerdem haben hier schon viele Menschen Ufos gesehen, zumindest behaupten sie das. Diese Sichtungen werden von den Sternwarten – auch den staatlichen – durchaus ernst genommen. Wer kann das auch mit hundertprozentiger Sicherheit Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Im Valle de Elquiwissen, ob unsere kleine Erde der einzige Planet mit Lebewesen ist? Wir sind gespannt und für alles offen. Sehr besonders ist die Atmosphäre schon jetzt vom Bus aus. Auch ohne Ufos zum Empfang.

Die drei Stunden Fahrt vergehen wie im Fluge. Es geht stetig bergan bis zum schattigen Marktplatz von Pisco Elqui und wir essen ein handgemachtes Eis, das es hier tatsächlich auch mit Pisco Sour-Geschmack gibt, Chiles himmlischem National-Cocktail. In diesem schnuckeligen Dorf wollen wir spontan bleiben. Sofort. Wir haben eine Stunde, bis der letzte Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - In Pisco Elqui,  © Ekkehard & Almut HelmholdRückbus fährt, eine Stunde, um für die nächsten Tage Unterkünfte zu finden. Im Dorf ruht alles in verschlafener Hitze. Ich renne los, den Berg hoch. Der Mann, der uns das Valle de Elqui ans Herz gelegt hatte, schwärmte auch von einem kleinen Hotel in Pisco Elqui, das zwei deutsche Frauen führen sollen. Vielleicht finden wir es.

Ein wahrer Alm-Öhi, der Bergwanderungen und Sternenbeobachtungen anbietet – wie viele hier – schickt mich zu den Hostels in der Nähe. Ich renne. Eines ist ausgebucht, eines geschlossen, alles klein und bildhübsch. Das Hotel El Tesoro mit seinen kleinen Häuschen, dem Blumengarten, demDem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Hotel El Tesoro in Pisco Elqui geschwungenem Pool und Blick auf die Berge ist so zauberhaft, dass ich zuerst vorbei laufe, weil ich es für luxuriös und zu teuer halte. Später frage ich nach: es ist bezahlbar und ab übermorgen gibt es ein Zimmer! Sogar mit Küche! Wir buchen fast eine ganze Woche. Weiter oben bekommen ich eine Cabana für die Nacht morgen, auch mit Pool! Zu dumm, dass wir wieder runter ins Tal müssen, aber die dreistündige Fahrt ist wieder eine einzige Augenweide. Diese Traumstrecke drei Mal hintereinander fahren, gar kein Problem.

Pisco Elqui hat eine interessante Geschichte. Das mit 360 Sonnentage im Jahr gesegnete Dörfchen hieß ursprünglich La Greda, nach der tonhaltigen Erde, mit der die Indios töpferten und tönerne Schätze herstellten. Nachdem La Greda 1873 von einer schrecklichen Pockenepidemie heimgesucht wurde, bekam es – um die Solidarität mit den Menschen dort aDem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Pisco Elqui,  © Ekkehard & Almut Helmholduszudrücken – einen neuen Namen: La Union. In der gesamten Region wird in kleinen und großen Destillerien der beste Pisco Chiles hergestellt. Die große Hitze und Trockenheit, zusammen mit der besonderen Erde der fruchtbaren Täler – und vielleicht der einzigartigen Sternenenergie? – ergibt diese süße Traube, aus der Pisco, ein leichter, und sehr besonderer, aromenreicher Weinbrand – vergleichbar mit Grappa – hergestellt wird, die Grundlage für den himmlischen Pisco Sour. Nun ist es aber so, dass sowohl Peru als auch Chile behaupten, sie hätten das Cocktailgetränk Pisco Sour erfunden. Beide erhoben den alleinigen Anspruch auf den Namen. Chile löste das Problem Im Alleingang  so für sich, dass es La Union 1936 einfach in Pisco Elqui umbenannte und der Name so für das Getränk patentierbar wurde. Die Nationaldichterin Gabriela Mistral, die im Nachbardorf La Vicuna  aufwuchs, wehrte sich dagegen, sie wollte La Union bewahren – erfolglos.

Der nächste Tag in unserer Cabana, der chilenischen Variante der Ferienhütte, gefällt es uns ausnehmend gut. Ganz besonders, weil die Kinder umherstromern können, ohne Autos und Gefahren, und Anton die Erlaubnis hat, von den nicht allzu hohen Aprikosenbäumen zu naschen. Auf Bäume zu klettern ist sein Liebstes und dann auch noch gemeinsam mit Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - In Pisco Elquieinem wilden, gleichaltrigen Mädchen mit brauner Löwenmähne! Es ist zum Heulen, dass sie schon morgen mit ihren Eltern das Dorf Richtung Santiago verlässt. Sie heißt Barbara und ist „schön wie eine Meerjungfrau“, Anton ist sich ganz sicher, er wird sie heiraten.

Wir schlafen schlecht, denn mitten in der Nacht fängt es an zu rauschen, als würde ein tosender Fluss durch unsere Hütte brettern. Oder ist es ein Wasserrohrbruch? Aufgeregt suchen wir und können nichts dergleichen erkennen. Nur am Morgen finden wir unsere aufgehängte Wäsche klatschnass überall verstreut. In dem Graben nebenan muss tatsächlich heute Nacht etwas Seltsames passiert sein.

Am Tag darauf erfahren wir im Hotel „El Tesoro“, wie die Wasserversorgung in Pisco Elqui funktioniert: „Jeden Donnerstag kommt der Fluss vorbei.“ Der Fluss kommt vorbei? Wie schön und praktisch, wenn wöchentlich ein Bach mit köstlichem, frischem Bergwasser Dem Herzen folgen, Coquimbo streifen und in Pisco Elqui für immer bleiben wollen - Pisco Elqui,  © Ekkehard & Almut Helmholdvorbeischaut! Der Fluss wird oben am Berg in verschiedene Abschnitte gesplittet. Die Rechte auf Wasser können erworben werden und dann kommt auf deinem Grundstück zu bestimmten Tagen und Stunden der Fluss vorbei, in dafür vorgesehene Gräben, alles wird bewässert und aufgefangen. Bis das Wasser wieder versiegt und am Nachbarn vorbeirauscht. Und da der Fluss von ganz oben kommt, sind das wirklich Naturgewalten.

Heute kommt im „El Tesoro“ der Fluss vorbei und Anton baut mit Theo Dämme. Außerdem hat er ganz schnell erkannt, dass die Bäume hier auch Früchte tragen. Die Mispelbäume sind freigegeben zum Pflücken und haben freundlicherweise schon jede Menge zuckersüße Früchte abgeworfen, fertig zum Aufsammeln. In der heißen Sonne ist das aromatische Obst zur süßenDSC04484 Trockenfrucht geworden. Aus Europa kenne ich die orangenen Kugeln nur sauer und groß, so ein außergewöhnliches Aroma entwickeln sie vielleicht nur hier. Hier scheint sich einfach alles außergewöhnlich gut zu entwickeln. Und alles gefällt uns in Pisco Elqui, besonders nach Coquimbo ist das Valle de Elqui das Paradies. Noch haben wir keine Ufos gesehen, aber wir sind ganz entspannt, die können ruhig kommen und uns hier besuchen.

 

Alex
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Alex

Ich bin Mutter von zwei tollen Jungs und seit 2007 mit Petra verheiratet. Leidenschaftlich gerne schreibe ich und bin gelernte Landwirtin, gebe Klavier- und Gesangsunterricht und seit der Diagnose von Autoimmunerkrankungen setze ich mich erfolgreich mit Heilungswegen auseinander. Zusammen mit Petra betreibe ich diesen Blog.
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