Barbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen?

Barbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen? - Unsere Hütte auf Malapascua Island Ein Geburtstag auf einer tropischen Insel- ist das nicht etwas, von dem jeder träumt? Mir ist an diesem Geburtstagsmorgen am zweiten Tag auf den Philippinen auch, als ob ich noch immer träume. Weil es normalerweise schneeregnet. Aber auch, weil ich das sichere Gefühl habe, noch nie so müde gewesen zu sein.  Der lange Flug, die Fahrt über Land, das Boot bei Sturm Richtung Malapascua, die erste Nacht mit Disco ganz in der Nähe und Kinder, die natürlich gerne sehr früh gratulieren.

Unser Großer hält Schlafen am Tag leider für etwas völlig Abwegiges, also schleppe ich mich mit ihm durch die Hitze an den sauberen Nachbarstrand eines Hotels. An diesem kleinen Strand sieht Anton zum ersten Mal ins seinem Leben unter Wasser große Seesterne, in Rot, in Blau, in Gelb, und die erträumten schillernden Fische in glasklarem Wasser durch seine schon sehr lange heiß geliebte Taucherbrille, die zuvor nur die Badewanne kannte. Eine neue Welt: „Riesige Fische, so bunte, so viele!“                                       

Barbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen? - Unterwasserwelt vor Malapascua IslandEinheimische Kinder kommen uns besuchen, sie wollen Schmuck verkaufen. Uns wurde geraten, von Kindern grundsätzlich nichts zu kaufen, denn der Schmuckverkauf macht sie auf Dauer arm. Sie schwänzen die Schule, gehen gar nicht mehr hin und machen keinen Abschluss. Wir teilen lieber unser Obst und singen dann zusammen Lieder. Singen und feiern ist auf den Philippinen Alltag. Karaoke gibt es überall und schon die Kleinsten haben Lust, ihr Lieblingslied vorzutragen. Später hören wir von der Geschichte der ausgedehnten Weihnachtszeit: Weil die Sternsinger so gerne ihre Weihnachtslieder sangen, hörten sie einfach nicht damit auf. Das ging so weit, dass das öffentliche Singen von Weihnachtsliedern verboten wurde – es war mittlerweile Ostern. Die Mädchen am Strand singen richtig gut und haben Spaß dabei. Alle sprechen englisch, die größte möchte Lehrerin werden. Sie beteuern, dass sie jeden Tag zur Schule gehen und das sehr gerne, aber heute ist schulfrei, das chinesische Neujahr, das überall in Asien groß gefeiert wird.

Die Strände und die Unterwasserwelt hier sind unfassbar schön. Bedrückend  ist der Müll im Meer. Immer wieder wehen die jährlichen Stürme alles in alle vier Himmelsrichtungen – natürlich ins Meer. Wenn es keiner heraus sammelt, bleibt es drin. Und selbst wenn: es kommt ja immer wieder Neues bei jeder Flut. Jede Ebbe hinterlässt einen breiten Streifen Plastik. Die Menschen hier haben ganz andere Probleme, aber wenn ich an die fragile Meereswelt denke und was wir Menschen damit machen, wird mir schlecht. Ich frage nach der medizinischen Versorgung. Ja, es gibt einen Arzt. Reicht der? Nein. Und es gibt auch nicht immer alle nötigen Medikamente. Wenn es um solch existenziellen Probleme geht, ist Müll in der Landschaft zweitrangig.

Barbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen? - CalangamanWir fühlen uns mulmig, wir sind so verdammt begünstigt vom Leben. Wir können essen gehen, wir können sogar reisen, wir sind medizinisch versorgt und haben – auch bei nahem Besehen – keine unlösbaren Probleme. Irgendjemand erzählte mir einmal über seine Reaktion einer MS-Diagnose: „Hauptsache, es ist kein unheilbarer Krebs.“ Na also. Im Angesicht von Armut – und schnellem Tod, wenn Medikamente nicht rasch genug die Insel erreichen oder der Arzt gerade mal nicht da ist – werden alle eigenen Probleme klein.

An meinem Geburstagsabend wollen wir beim nahen Italiener am Strand essen gehen, aber dort gehen immer die Lichter aus. Elektrizität ist auf Inseln ist nicht selbstverständlich. Die Kinder sind ungnädig, hungergrantig, müde. Ich kann nun wirklich auch nicht mehr – blöder Geburtstagsquatsch – ich will eigentlich nur noch schlafen. Im Dunkeln essen ist mit den Kindern auch nicht gerade entspannt. Wir stehen auf und wandern wieder über die halbe Insel lieber ins „Ging Ging“. Die Kinder können herumtoben und es schmeckt einfach alles auf der langen Speisekarte.

Dort fallen uns wieder die seltsamen Paare auf: Junge, kleine, philippinische Frau – großer Mann aus der Ferne. Und ein großer, ein sehr großer, Altersunterschied. Wenn sie denn reden oder Zeichen der Kommunikation senden würden, aber nein, sie schweigen sich an, schauen aneinander vorbei, fühlen sich komisch. Und das sind sie auch. Wir gucken uns diese Männer genau an. Traurige Gestalten, zurückhaltend bis verstockt, in sich gekehrt und nie wieder herausgekrochen.

Barbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen? - Federvieh in Compostela VillageNatürlich wussten wir vorher von dem enormen Sextourismus auf den Philippinen. Der Inselstaat ist eines der ärmsten Länder der Welt. Offiziell ist Prostitution verboten. Der Freier löst die Frau aus, das heißt, sie bekommt frei von ihrem Job und er bezahlt den ausstehenden Lohn, der Rest ist Verhandlungssache. In den Städten ist alles möglich. Erst recht in den Slums. Zu genau will das aber keiner wissen, das Internet bietet da genug Informationen. Sehr aufschlussreich sind auch die Kommentare derer – Deutsche – die sich als „Spaßhabende“ auf den Schlips getreten fühlten, weil Undercover-Journalisten über das Prozedere berichteten.

Aber es ist nicht immer so schwarz-weiß, wie es zunächst aussieht. Wir kommen mit einer Frau ins Gespräch, auch klein und zart, die sich Hoffnungen gemacht hatte: „Er wollte mich heiraten. Und dann ist er doch zurück nach Deutschland geflogen. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.“ So läuft das ganz häufig. In Bars, Discos, auf der Straße werden die Hoffnungsträger angesprochen, ein Flirt, eine Verabredung, vielleicht mehr. Am Ende könnte die Hochzeit stehen. Und gerade ältere Männer sind begehrt, ein Symbol des Wohlstandes und der Sicherheit. Ein älterer Mann muss finanziell versorgen, auch oft den Rest der Familie. Das ist auf den Philippinen so üblich, bei Ausländern wie bei den Landsleuten. Und weil das Land katholisch ist, gibt es keine Scheidung. Wer heiratet, hat eine große Verantwortung. Für viele Menschen. Die sitzengelassene Frau erzählte uns am Ende, dass sie sich schon neue Hoffnungen macht. Es ist wieder ein Deutscher. Die mag sie besonders. So gibt es viele Seiten, auch wenn du sie dir nicht gerne vorstellen magst.

Auf Malapascua fahren keine Barbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen? - Malapascua IslandAutos, wohl aber Motorräder. Die knattern Tag und Nacht um die Insel. Weniger sich daran stören – auch wenn es schwer fällt in einer hellhörigen Palmenwedel-Hütte –  lieber Teil davon sein, denken wir und lassen uns am nächsten Tag um die Insel fahren. Der Sohn unserer lieben Masseurin Janet, die uns direkt am Strand auf einer Decke wundervoll massiert hat, fährt ganz vorsichtig. Die Kinder sind hoch begeistert. Theo mag „Motots“ sehr gerne und Anton will auch gar nicht mehr herunter. Am Leuchtturm genießen wir endlich ein Lüftchen in der Hitze und Tropen-Rundumblick.

Janet fragt uns am nächsten Tag, ob wir nicht zusammen essen wollen, bei ihr zu Hause. Wir kaufen ein, sie kocht? Sehr gern! Wir haben uns schon öfter Barbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen? - Die Masseurin Janet mit Malunggay-Blätternunterhalten, über alles mögliche. Die Liebe, das Leben und – Heilpflanzen. Welche Pflanzen werden hier genutzt? Janet zeigt mit die Blätter der  Malunggay. Sie senkt den Blutdruck und kann auch als Gemüse gegessen werden. Das schmeckt besser als Tabletten. Die Liebe und das Leben sind natürlich noch spannender. Lesbisch oder schwul sein ist hier kein Problem, auch nicht trans. Es gibt eine Transsexuelle, die auf Malapascua lebt, das ist keine große Sache. Wir hören von einem rauschenden Dorffest, mit Travestieshow – direkt vor der katholischen Kirche. Das ist hier kein Widerspruch und uns überaus sympathisch. Vielleicht gehen wir auch gemeinsam zum Karaoke nach dem Essen? Sehr gerne! Ausgehen, das ist schon viele Monate her. Wir freuen uns sehr über die Einladung.

Eine Freundin von Janet holt uns abends ab, sie muss doch länger im Hotel arbeiten, das kommt oft vor. Es wird eingekauft, Gemüse, ein Huhn für den Grill. Wir bereiten uns innerlich auf eine Hütte vor – und betreten einen Rohbau, einen einzelnen nackten Raum, etwa wie eine Garage bei uns, mit Wellblech gedeckt. Eine Tür gibt es nicht, eine Spanplatte tut`s auch und ein Loch daneben, das einzige Fenster. In der Mitte stehen eine Musikanlage und ein Fernseher. Hinten gibt es ein Klo, ohne große Abtrennung, aber das funktioniert gerade nicht. Wir beten, dass keiner muss.

Barbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen? - Grillen im WohnzimmerJanets Mann wusste nichts von den Gästen, ist wenig gesprächig und lässt den Sohn den Grill anwerfen. Sehr speziell. Man nehme einen Haufen Kohle, werfe sie im Wohnzimmer auf den Boden, gieße Spiritus drüber und entzünde das Ganze. Unvermeidlich: Die starke Rauchentwicklung. Kein Abzug, kein Fenster, egal. Das einzige, das Luft bringen könnte, wurde zugehängt, damit die Nachbarskinder König Anton nicht belästigen, der bramsig vor der Kinderglotze hängt. Wir sagen immer wieder, dass die Kinder doch einfach hereinkommen sollen, aber das ist nicht gewünscht. Absurd ist die Situation. Der schreiende bunte Fernseher in der Mitte, überall Rauch.  Petra flüchtet mit Theo kurz nach Draußen. Aus Höflichkeitsgründen bleibe ich blinzelnd sitzen. Irgendwann sind wieder Umrisse zu erkennen und wir können das Gemüse unbedenklich schnippeln. Barbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen? - Bei Janet zu HauseAls Janet kommt, steht das Essen auf dem Tisch und es ist sehr lecker, Brathuhn, kleine Fischchen, leckeres Gemüse. Der Mann hält sich raus, Janet ist vergnügt, aber sehr erschöpft, aus dem Ausgehen wird heute nichts. Ich muss an unsere Massagen-Gespräche über Beziehungen denken. Der Mann war vorübergehend verschwunden, es gab eine andere Frau, alles war grundsätzlich schwierig. Was ist mit Gewalt? „Was macht ihr, wenn ihr zu wütend werdet?“ Freundinnen. Ausgehen. Feiern. „Was ist mit den Männern?“ „Die sollen einfach rausgehen. An die frische Luft. Wer zu wütend ist, muss raus.“

ZiemBarbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen? - Bei Janet zu Hauselich platt gehen wir „nach Hause“. Keine redet mehr, die Kinder sind auch ganz still. Das Zuhause von Janets Familie ist ein unverputzter Raum, für drei. Und alle drei arbeiten, Janet ist bei einem Hotel-Spa angestellt und verdient am Strand noch etwas dazu. Also war das ein Haus der „Besserverdienenden“. Auch das haben wir vorher gewusst, wie arm das Land ist, wie die Lebensbedingungen hier sind, aber es ist etwas völlig anderes, ob du etwas liest oder mittendrin bist.

Am nächsten Tag dürfen wir mit einem  Ausliegerboot auf die unbewohnte Trauminsel Calangaman fahren. Die See ist ruhig und wir genießen die Kühle des Meeres. Plötzlich, neben dem Boot: „Delfine!“ Sie begleiten uns ein Stück. Die Insel vor uns liegt elegant schmal und zeitlos schön im Ozean. Wir ankern und waten zum Ufer, wo die Naturpark-Eintrittskarten-Abreisser Ball spielen. Mitspielen? Bei der Hitze? Wir fallen lieber so schnell wie möglich ins Wasser – alle zusammen – und genießen das warme Wasser im Paradies. Bis jetzt hat Theo noch nie genussvoll im Meer gebadet, das ändert sich ab jetzt.

Barbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen? - Kirche auf CalangamanWir wollen mehr und umwandern das kleine Eiland  – es gibt sogar eine kleine Kapelle in der Mitte, um zu danken für all diese Schönheit auf der Welt. Ich bete auch um ein winzig kleines kühles Lüftchen, mittlerweile ist es grausam heiß. Wir schleppen uns von Schatten zu Schatten.

Zurück am Rastplatz werden wir von Chinesinnen überfallen: „Foto! Foto!“ Die Kinder wehren ab. Ein Nein interessiert diese Frauen nicht. Sie verfolgen uns. Ist das der Vorgeschmack auf China? In jedem Fall ist es ihnen völlig egal, dass wir gerade nicht wollen, eine ruhige Minute brauchen, dass Anton und Theo nicht möchten. Sie sprinten uns hautnah und kreischend hinterher, als wir Richtung rettendes Boot flüchten.

Barbecue im Wohnzimmer oder: Wie lebt es sich auf den Philippinen? - CalangamanWir schauen auf die „Inselbetreuer“ und ihre Kinder am Strand zurück. Sie spielen im Wasser, juchzen und schreien, lachen laut und wirken rundum unbeschwert. Wir wissen, dass wir fast nichts wissen, über die Menschen hier, ihre Leben, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Aber wir möchten mehr erfahren. Wir haben noch drei Wochen.

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Ich bin Mutter von zwei tollen Jungs und seit 2007 mit Petra verheiratet. Leidenschaftlich gerne schreibe ich und bin gelernte Landwirtin, gebe Klavier- und Gesangsunterricht und seit der Diagnose von Autoimmunerkrankungen setze ich mich erfolgreich mit Heilungswegen auseinander. Zusammen mit Petra betreibe ich diesen Blog.
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